Mark Twain. Ist Shakespeare tot?


Mark Twain. Ist Shakespeare tot?

Artikel-Nr.: 010
Mark Twain. Ist Shakespeare tot?
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Mark Twain 

Ist Shakespeare tot?

Aus meiner Autobiographie

 

Deutsche Erstübersetzung !

Mehr als hundert Jahre nach dem Erscheinen des letzten Buches, das Mark Twain veröffentlicht hat, wird es nun auch deutschen Lesern zugänglich. Dies ist mehr als überfällig.

Mark Twain behandelt den Stratford-Mythos, er tut das aber auf seine Art und in seinem Stil: humorvoll, witzig-ironisch, manchmal sarkastisch, oft respektlos, immer eigenwillig, sprachschöpferisch … aber auch wütend über die Uneinsichtigkeiten, denen er sich gegenüber sieht.

Aber das Buch ist keine Satire!

Im Gegenteil: Mar Twain zögerte nicht, auch reine Fachdebatten ausführlich darzulegen.

Wer sich mit dieser Schrift befasst, wird nicht umhin können einzusehen, dass die immer wieder erzählte Geschichte von dem armen Jungen aus Stratford, der zu Weltruhm gelangte, falsch ist.

Warum das Buch bisher ignoriert und unterdrückt wurde, ist leicht zu verstehen: Mark Twain spricht eine unangenehme und unbequeme Wahrheit aus.

Sein Buch wurde als „Alterswerk“ diffamiert, aber Mark Twain hatte sich schon in jungen Jahren für die Fragen nach dem Autor „Shakespeare“ interessiert, die ihn sein ganzes Leben begleitet haben.

Auch im Abstand von über hundert Jahren ist diese Schrift unverändert aktuell und geeignet, zur Klarheit in einer immer noch unterdrückten Frage beizutragen. 

 

Übrigens 

Die Schreibweise "Shake-Speare" mit einem Bindestrich findet sich ab 1598 auf den Titelseiten der ersten nicht mehr anonym gedruckten Shakespeare-Dramen. Ebenfalls findet sie sich in der ersten Hamlet-Ausgabe, bei King Lear und in der Erstausgabe der Sonette; insgesamt 17 Mal. Der Bindestrich ist ein Hinweis auf einen "sprechenden Namen": Shake-speare war ein Pseudonym. 

 

Link

 

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www.shakespeare-today.de

 

Artikel

 

Valentin Wember

Raubt mir nicht meine Biographie und meinen Namen!

450 Jahre Shakespeare?

 

Eine peinliche Geschichte, eine unwahrscheinliche Geschichte und eine welthistorische Geschichte

 

 

Eine peinliche Geschichte 

 

Lehrerinnen und Lehrern passiert es von Zeit zu Zeit, dass sie Schülernamen verwechseln und eine Schülerin oder einen Schüler mit falschem Namen ansprechen. Peinlicher wird es, wenn sich dieselbe Verwechslung  jahrelang ab und zu wiederholt und Mathis immer wieder als Milan angesprochen wird oder umgekehrt. Aber es geht noch schlimmer. Vor vielen Jahren hatte ich Aufsätze zu korrigieren. Darunter war ein Aufsatz von Moritz B. Der Aufsatz war für Moritz ein Durchbruch: klar in der Argumentation und flüssig im Ausdruck. Ich freute mich und teilte meine Freude der Klasse mit. „Hört einmal zu.“ Und dann las ich einige Passagen aus dem Aufsatz von Moritz vor. Während ich las, meldete sich Moritz: „Herr Wember  ...,“ „Ja?“ „Herr Wember, das ist nicht mein Aufsatz, das habe ich nicht geschrieben.“ Peinliches, betretenes Schweigen. Und tatsächlich: Auf den linierten Kanzleibögen war kein Name eingetragen, aber ich war der festen Auffassung gewesen, dass es die Schrift von Moritz B. war.- Die Situation war sehr unangenehm für alle Beteiligten, da half auch meine Entschuldigung nur wenig. Und zu allem Unglück hatte ich noch unter den Text von Philipp M. geschrieben, dass er beim Schreiben seines Aufsatzes wohl nicht in Form gewesen sei.- Am liebsten hätte ich mich in Luft aufgelöst. 

 

Aber neben aller Peinlichkeit und den fatalen Folgen, die Lehrertrotteligkeit haben kann, zeigt die Geschichte doch auch etwas anderes: Einem Schüler ist es nicht gleichgültig, ob man ihm eine Leistung zuschreibt, die er gar nicht erbracht hat, und ein anderer Schüler  ist zu Recht perplex, wenn man seine Leistung einem anderen zurechnet. Sie fühlen sich beide in ihrer Persönlichkeit verletzt.

 

Eine unwahrscheinliche Geschichte

 

2003 traf ich vor der Eingangshalle des Los Angelos international Airports völlig unerwartet meine frühere Kollegin Iris Faigle. Ich hatte sie jahrelang nicht gesehen. Wir hatten in den 1980er Jahren mehrere Theaterstücke zusammen einstudiert (sie hatte wunderschöne Kostüme geschneidert), aber dann war sie in den Ruhestand getreten.  Jetzt trafen wir uns und hatten uns viel zu erzählen.- Noch am selben Nachmittag kam ich zu meinen Gastgebern - Deutsche, die seid Jahren in L.A. lebten. Ich kannte sie noch nicht. Sie zeigten mir mein Gastzimmer und baten mich anschließend gleich ins Wohnzimmer herunter zu kommen, sie hätten eine Überraschung für mich. Als ich ins Wohnzimmer kam, traf mich der Schlag. Auf dem Sofa saß meine Schwester. Das war einigermaßen verrückt, denn wir hatten uns mindestens 3 Jahre lang nicht gesehen. Und jetzt das. Ich wusste zwar, dass sie in L.A. studiert hatte, aber das war lange her. Jetzt hielt ich sie für eine Fatamorgana. 

Endgültig irrwitzig wurde es am Abend. Ich hatte eine Karte für ein Konzert in der Disney-Hall. Maxim Vengerov mit Brahms und Lorin Maazel am Pult.  Der Platz neben mir war frei. Erst kurz vor Beginn des Konzerts kam eine Dame und setzte sich neben mich. Ich erkannte sie sofort. Eva, meine erste Freundin. Zwei Ewigkeiten war das her. 

 

Liebe Leserin, lieber Leser, glauben Sie diese Geschichte? Wahrscheinlich werden Sie stutzig.  Und das zu Recht. Drei außerordentliche Treffen direkt hintereinander an einem Tag? Haben Sie so etwas selbst schon einmal erlebt? Ein einzelnes völlig unerwartetes Treffen – so etwas kommt vor. Aber drei? Kurz: Die Geschichte fühlt sich sehrunwahrscheinlich an. Und tatsächlich stimmt auch nur der erste Teil. Die beiden anderen Treffen habe ich erfunden, um Ihnen daran etwas zu demonstrieren über Wahrscheinlichkeiten. 

Die meisten Menschen haben tatsächlich schon einmal völlig unerwartet einen lange nicht gesehenen Menschen wiedergetroffen. So etwas kommt vor. Aber wie wahrscheinlich ist es? Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Würfel eine 6 zu würfeln, ist 1:6. Die Wahrscheinlichkeit, die erste Freundin nach 25 Jahren irgendwo am anderen Ende der Welt in einem Konzertsaal zu treffen, dürfte weitaus geringer sein. Sie, liebe Leserin, lieber Leser, dürfen das gerne nach eigenem Ermessen selbst einschätzen, zum Beispiel 1:50 oder 1:1000 oder 1:10.000.

Die Wahrscheinlichkeit mit einem Würfel bei 3 aufeinander folgenden Würfen jedes Mal eine 6 zu würfeln, beträgt 1 : (6 x 6 x 6), also 1 : 216.  Aber auch hier gilt: So etwas kommt vor, wenn auch nicht sehr oft.

Die Wahrscheinlichkeit, Iris Faigle, meine Schwester und Eva am selben Tag in L.A. zu treffen, beträgt - je nach Einschätzung - zum Beispiel 1 : (50x50x50) oder 1 : (1000 x 1000 x 1000), also 1:125.000 oder sogar 1: 1.000.000.000 (sprich: Eins zu eine Milliarde). Fazit: Extrem unwahrscheinlich.

Und deshalb hatten Sie – ohne Rechnung, sondern rein gefühlsmäßig – bei meiner unwahrscheinlichen Geschichte völlig berechtigt  erhebliche Zweifel. Und damit zu Shakespeare.

 

 

Shakespeare und eine welthistorischen Geschichte

 

In Shakespeares „Hamlet“ erzählt Hamlet, dass er von Seeräubern überfallen worden ist. Nun ist es so, dass Edward de Vere,  der 17. Graf von Oxford, den etliche Forscher für den wahren Autor von Shakespeares Dramen halten, tatsächlich bei einer Schifffahrt von Räubern überfallen worden ist. Er kannte diese Erfahrung. Nur: Für den Shakespeare aus Stratford upon Avon ist keine einzige Schifffahrt belegt. Dass er je von Seeräubern überfallen wurde und Hamlets Erfahrung selbst gemacht hatte, kann man ausschließen. Oxfords Erfahrung ist hingegen belegt. Nun könnte es ja sein, dass der Shakespeare aus Stratford die Seeräuberepisode Hamlets mit dichterischer Fantasie frei erfunden hat, während in England ein Mann lebte, der die Geschichte ziemlich genau so erlebt hatte wie Hamlet, aber nichts mit dem Drama zu tun hat. Die Übereinstimmung von de Veres Leben und dem literarischen Hamlet wäre dann eben reiner Zufall. Ein Zufall, sagen wir von 1: 1000. (Sie können – wenn Sie wollen – auch 1 : 50 ansetzen)

Aber weiter: In Shakespeares „Die beiden Veroneser“ wird der Name eines Pater Patrik erwähnt. Merkwürdig genug: Ein irischer Name in Mailand? Tatsache aber ist, dass 1575 tatsächlich ein irischer Pater Patrik in Norditalien und höchstwahrscheinlich auch in Mailand war. Tatsache ist darüber hinaus auch das Folgende: Edward de Vere hat ausgiebig Italien bereist und war 1575 auch in Mailand. Da von Pater Patrik damals in Norditalien gesprochen wurde, darf man davon ausgehen, dass Edward de Vere in Mailand von ihm gehört hat.

Auf der anderen Seite war der Kaufmann namens Shaksper (so schrieb er sich nämlich) aus Stratford upon Avon nie in Italien. 

Das alles ist schon sehrerstaunlich. Aber auch hier gilt: Es kann natürlich Zufall sein, dass in einem Shakespeare-Drama der Name eines Pater Patrik aus Mailand auftaucht und dass es gleichzeitig in England einen Grafen von Oxford gegeben hat, der von diesem Pater Patrik bei einem Mailand-Besuch gehört haben dürfte, dass aber dieser Graf von Oxford nichts mit dem Drama zu tun hat. Sagen wir, der Zufall beträgt wieder nur 1.1000. (Oder – wenn Sie das für sinnvoll halten – 1 : 50)

Weiter: 

Herr Shaksper aus Stratford hat jahrelang darum gekämpft, dass er ein eigenes Wappen führen darf. Schließlich bekam er es. Aber nun passierte Folgendes: Als 1623 die erste Folio-Ausgabe von Shakespeares Werken herauskam, war in dieser Ausgabe nichts von dem Wappen des Mannes aus Stratford zu finden. Stattdessen aber fand sich in der Ausgabe ein Zierwerk mit der Heraldik des Grafen von Oxford. (Ein fast identisches Zierwerk findet sich schon 1582 in einem Buch, das Edward de Vere gewidmet ist.) (Siehe Abbildungen) Aber auch hier gilt: Es könnte natürlich Zufall sein. Irgendein Kupferstecher hat aus Zufall in die Folio-Ausgabe nicht das Wappen des Herrn Shaksper aus Stratford, sondern die Heraldik des Grafen von Oxford hereingebracht. So etwas kannja theoretisch passieren.  Nehmen wir auch hier eine Wahrscheinlichkeit von 1:1000 an. (Oder sollten wir sie mit 1 : 100.000 ansetzen? Oder wollen Sie auch hier lieber nur 1 : 50 nehmen?)

Fazit: Jeder einzelne Punkt könnte Zufall sein. Aber wenn man alle drei Sachverhalte zusammen nimmt, entsteht eine Zufalls-Wahrscheinlichkeit von 1 zu einer Milliarde (oder 1 : 125.000, wenn Sie bei jedem Einzelfall den Wert 1:50 eingesetzt haben). 

Mit einem Satz: Glauben Sie, dass die Übereinstimmungen zwischen dem Leben von Edward de Vere und den Dramen Shakespeares reiner Zufall ist? Bei einer Wahrscheinlichkeit von 1 : 125.000 oder 1 zu einer Milliarde?  Sie werden es wahrscheinlich nichtglauben, denn es ist absurd, so etwas für Zufall zu halten. Von Zufall kann man nur sprechen, wenn man ein Ereignis isoliertbetrachtet. Wenn man die verschiedenen Ereignisse zusammenbedenkt, wird die Rede vom Zufall gewissermaßen gedanklicher Unfug und verstößt gegen jeden gesunden Menschenverstand. 

 

Aber das Beste kommt noch: Ich habe hier nur drei Sachverhalte angeführt. Man könnte mühelos 30 anführen und die Freaks unter den Fachleuten sogar weit mehr als 100.  Können Sie sich vorstellen, liebe Leserin und lieber Leser, wie groß dann die Wahrscheinlichkeit wäre, dass alles nur Zufall ist? Sie wäre unvorstellbar winzig. Irgendwo bei 10 hoch minus 48. 

Es gibt allerdings den einenFall, wo das, was ich von meinen Begegnungen in L.A. erzählt habe, tatsächlich hätte eintreten können, nämlich dann, wenn jemand die Begegnungen hinter meinem Rücken für mich arrangiert hätte, um mich zu überraschen. Aber dann wäre es kein Zufall mehr gewesen, sondern bewusste Planung. Und genau so verhält es sich mit den mindestens 100 extrem unwahrscheinlichen Zufällen bei den Übereinstimmungen von Edward de Veres Biographie und Shakespeares Dramen. Den aberwitzigen Zufall von 10 hoch minus 48 anzunehmen, ist schlechterdings absurd. Es musseinen roten Faden geben. Und er liegt auf der Hand: Es ist das Leben und die geistige Identität von Edward de Vere. (In der Sprache der Wahrscheinlichkeitsrechnung liegt die Wahrscheinlichkeit bei 0,9999.)

 

Aber hinter der Wucht der statistischen Beweiskraft verbirgt sich ein welthistorisch einmaliger und erschütternder Vorfall: Der größte Dramatiker der Weltgeschichte konnte seine Dramen nicht unter seinem Namen veröffentlichen. Er gehörte zum englischen Hochadel am Hofe Elisabeths und dem war es strengstens untersagt, Dramen zu publizieren. Er musste unter einem Pseudonym schreiben. Er schrieb dieses Pseudonym  übrigens „Shake-speare“ - ein sprechender Name. Nach seinem Tod im Jahre 1604 übernahmen es dann Freunde und Verwandte, die Autorschaft weiter zu vertuschen. Und schließlich gelang ihnen ein phänomenaler Coup: Sie machten den Mann aus Stratford, der sich Shaksper schrieb und der  keinen einzigen Brief, geschweige denn Bücher hinterlassen hat, nach dessen Tod zu dem Dichter „Shakespeare“. 

Der Erfolg dieser Aktion war dermaßen überwältigend, dass er weit über das Ziel hinaus schoss: Er hielt nicht etwa 20 oder 50 Jahre, sondern sage und schreibe 300 Jahre: bis zur bahnbrechenden Entdeckung von John T. Looney im Jahr 1920. Dadurch aber wurde der Vertuschungserfolg zum Schutz von de Vere auf Dauer kontraproduktiv, denn derart lange mussten Edward de-Vere und seine Nachfahren nun wirklich nicht geschützt werden. (Auf der anderen Seite konnten die de-Vere-Schützer nicht ahnen, dass sich nach  der Revolution von 1689 die Verhältnisse in England gründlich ändern würden.)

 

Aber nicht nur Edward de Vere zahlte einen viel zu hohen Preis, sondern auch Herr Shaksper: Dem einfachen Mann aus Stratford wurden seine Biographie und sein Name geraubt. Denn das muss man mit Nachdruck festhalten: Der Mann aus Stratford kann absolut nichts dafür, für den den Verfasser der Werke Shakespeares gehalten zu werden. Andere haben das nach seinem Tod mit ihm gemacht. Ihm wurden Werke zugeschrieben, von denen er auch nicht 4 Zeilen hätte schreiben können. Wenn er aber mitbekommen würde, was man mit ihm gemacht hat, wäre ihm das um ein Vielfaches peinlicher als meinem Schüler, dem ich einen Aufsatz eines Klassenkameraden zugeschrieben hatte. Könnte der Shaksper aus Stratford durch die Zeiten hinweg sprechen, würde er sagen: „Bitte raubt mir nicht länger meine Biographie und meine Identität.“ Es ist nicht in Ordnung, einem Menschen eine Tat zuzuschreiben, die er nicht begangen hat – ganz gleich, ob es sich um ein Verbrechen oder um eine große Leistung handelt, und ganz gleich ob dieser Mensch schon lange tot ist oder noch lebt.

 

Aus Edward de Veres Perspektive ist es umgekehrt. Es dürfte welthistorisch ein ziemlich einmaliges Schicksal sein, dass die Identität eines derart in der Weltöffentlichkeit wirkmächtigen Geistes nicht etwa unbekannt ist, sondern vertuscht und verfälscht. Es gibt in der Weltgeschichte etliche bedeutende Menschen, die unbekannt geblieben sind oder deren Name nicht überliefert wurde. Es gibt auch etliche Berühmtheiten, von denen die meisten Menschen nur das Pseudonym kennen. Aber dass ein welthistorisches Mega-Werk einem Menschen zugeschrieben wird, der keine Zeile davon geschrieben hat, um den wahren Autor unerkannt zu lassen, das ist absolut einzigartig. 

 

Edward de Vere befürchtete schon zu Lebzeiten,  dass sein Name völlig vergessen werden würde.  Aber das wurde durch immensen Forscherfleiß verhindert. Für den außenstehenden Laien ist schier unvorstellbar, was Forscher aus aller Welt an Fakten zutage gefördert haben. Im Grunde ist die Sachlage längst völlig klar. Aber – und das macht die Angelegenheit zu einem idealen Stoff für Oberstufenschüler – es gibt etwas viel Besseres als die unerbittliche Logik und Beweiskraft der Wahrscheinlichkeitsrechnung: Die Anwendung und die Schulung des Ich-Sinnes oder des „Stil-Sinnes“, wie Thomas Göbel ihn nannte. Wenn man nämlich die Biographie von Edward de Vere liest, bekommt man ein plastisches Bild von diesem Menschen: Auf der einen Seite ein geradezu aberwitzig begabter Mensch, der sozusagen alleskonnte: Neue Sprachen, alte Sprachen, Jura, Geschichte, aber auch Schifffahrt, Militärstrategie und Sport: Fechten, Schwimmen, Reiten und in allem immer der Beste. Ein Allround-Genie sondergleichen, charmant ohne Ende, wenn er gut in Form war, beißend ironisch und ohne Rücksicht auf die Folgen, wenn er gereizt war. Tätig am Hofe Elisabeths, mit ihr befreundet, verfeindet mit anderen, aber immer mit allem Insiderwissen ausgestattet, das in den Königsdramen zu Tage tritt. Und auf der anderen Seite: ein hochgradig komplizierter Charakter mit vielen äußerst schwierigen Seiten, mit erschreckend dunklen Seiten und mit noch dunkleren Abgründen. 

Je mehr man über de Vere liest und je mehr man die unter dem Namen „Shakespeare“ bekannten Werke kennt, desto mehr stellt sich durch das Stil-Gefühl (oder den Ich-Sinn) die Sicherheit ein, dass dieser Charakter zu den Werken von „Shakespeare“ passt: Zu den Abgründen in den Figuren wie Jago, Richard, Lear und Hamlet, zu den Abgründen in den Sonetten und zu der überragenden Fülle an exaktem Wissen auf Dutzenden von Gebieten. (Längst wurde gezeigt, dass die vermeintlichen „Fehler“ in Shakespeares Werken wie etwa die berühmte „Küste Böhmens“ oder der Schiffsweg von Verona nach Mailand tatsächlich exakt den historischen Tatsachen entsprechen.) 

 

Dieses Stimmigkeitsgefühl, das sich im Laufe der Lektüre von de Veres Biographie einstellt, hat zwar nicht die schlagende (aber auch sehr kühle) Beweiskraft der Statistik, aber es ist tiefer, beseelter und dem Geist Shakespeares auch angemessener: In zahlreichen Komödien Shakespeares geht es um die Frage: „Wer bin ich?“ Und: immer wieder geht es um Verwechslungen. Mit anderen Worten: ausgerechnet derMensch, der diese Frage zur Erheiterung eines Millionenpublikums durch Jahrhunderte hindurch aufgeworfen hat, der stellte sie dem Publikum auch im Hinblick auf sich selbst, seine Biographie und seine Identität: „Wer bin ich?“ und: „Wer bin ich nicht?“ 

 

Freilich, man kann Beethovens Musik hören und mögen, ohne etwas über Beethovens Leben zu wissen, weder über seine Ertaubung noch über den Verlust seiner „unsterblichen Geliebten“. Und so ist es mit Shakespeare. Man kann seine Dramen bewundern oder genießen, ohne etwas von dem Autor zu wissen. Aber wenn man den prometheushaft kämpfenden Duktus der kompositorischen ErfindungenBeethovens erlebt und dann weiß, dass Beethoven taub wurde, so wie Prometheus an den Felsen geschmiedet wurde, dann vertieft sich das Hören erheblich. Es kommen gewissermaßen weitere Dimensionen des Erlebens hinzu. Man braucht sie nicht, aber sie führen tiefer in das Wesen des kulturhistorischen Impulses hinein. Und das ist genauso bei Shakespeare möglich, wenn man das Leben Edward de Veres kennt. 

 

 

Und noch etwas Weiteres bietet die Auseinandersetzung um Shakespeare für die Oberstufenschüler: Sie können an einem aktuellen Geisteskampf um die Wahrheit teilhaben und diesen Kampf vor dem Hintergrund der englische Geschichte verstehen lernen. Denn schließlich gibt es immer noch Hunderte von sogenannten Stratfordianern, die mit allen ihnen zur Verfügung stehen Mitteln (Ignorieren, Verschweigen, Sich-tot-stellen, Lächerlich-machen, Unterschlagen, Verunglimpfen, Fälschen, Bestechen und was es sonst noch im Arsenal gegen die Wahrheit an Waffen gibt) eine letztlich nicht zu gewinnende Schlacht gegen die erdrückende Überfülle historischer Fakten führen. Man kann hier sozusagen in Echtzeit beobachten, wie ein fast religiöser Traditionalismus sich gegen die Tatsachen sträubt. Schlimmer kann es auch bei Galilei und der Kirche nicht gewesen sein. Gerade viele Engländer unter den Shakespeare-Freunden kämpfen um den Mann aus Stratford, als ob es sich um ihr Nationalheiligtum handelt. Aber wie Beethoven und Goethe nicht den Deutschen gehören, sondern der ganzen Welt, so gehören auch Shakespeare und die Beatles nicht den Engländern, sondern der Welt. Am liebsten möchte man den Stratfordianern zurufen: „Liebe englische Shakespeare-Freunde, niemand will euch Shakespeare rauben. Ihr verliert ihn nicht. Im Gegenteil, ihr könnt nur gewinnen. Shakespeare bleibt Engländer, auch wenn er der Welt gehört und auch wenn er kein Bürgerlicher, sondern ein verdammter Adeliger war. Ihr habt nach 1949 eure Kolonien in die Freiheit entlassen, könnt ihr nicht auch Herrn Shaksper aus Stratford und Edward de Vere in die Freiheit entlassen? Raubt ihnen nicht, sondern gebt ihnen ihre Freiheit zurück, nämlich ihren Namen, ihre Biographie und ihre Identität.“

 

 

 

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